| Leseprobe |
1 Die Christmette (1844) »Sti uff, Jörg, sti uff!«, rief die Mutter und versuchte den sechsjährigen Georg wachzurütteln. Der fand nur mühsam aus einem Traum heraus. »Wörds bald, ich wärt nött!«, tönte es jetzt aus dem Treppenhaus. Der Vater! Schlagartig war Georg wach. Es war kalt im Zimmer. Beim Ausatmen bildeten sich kleine, weiße Wölkchen, Eisblumen bedeckten das Fenster, das Wasser im Waschbecken hatte eine dünne Eisschicht. Dann hörte er die ersten Schläge der Glocke der Stadtkirche, schließlich fiel die kleinere Rathausglocke mit ein. »Viertel vor sechs«, sagte die Mutter, »wir müssen uns beeilen!« Sie half Georg in die kalten Kleider. Der konnte das Zähneklappern nicht unterdrücken. »In einer Viertelstunde fängt die Christmette an, du willst doch auch die Christkinderchen sehen.« Natürlich wollte Georg das! Seit Tagen wartete er darauf. »Werden sie auch ganz bestimmt kommen?« Bruder Heinrich, drei Jahre älter, hatte sich schon allein angezogen: »Das sind doch nur die Chorschüler, als Engel verkleidet«, mischte er sich altklug ein. »Ich habe es von Vitter Wehner gehört.« »Was weiß denn der Vetter davon?«, sagte die Mutter ärgerlich. »Ohne Brille kann er nicht mal eine Kuh von einem Pferd unterscheiden.« Vor dem Haus lag der Schnee mehr als einen halben Fuß hoch. In der Nacht hatte es Neuschnee gegeben, der weiße Teppich war noch unberührt. Georg rannte hinaus, um ihn als Erster zu betreten. Die schneidende Kälte nahm er nicht mehr wahr. Dann blieb er stehen. Im Schnee sah er sein Schattenbild. Es war viel größer als er, bewegte sich, wenn er sich bewegte, und stand still, wenn er sich nicht rührte. Dass man auch nachts sein Schattenbild sehen konnte, war ihm neu. Vielleicht wurde man immer von seinem Schattenbild begleitet und nur die Sonne zwang den heimlichen Begleiter, sich zu zeigen. Nein, das stimmte nicht. Auch der Schein einer Kerze genügte. Erst vor ein paar Tagen hatte die Großmutter mit ihren Händen fantastische Tiere und Pflanzen an die Zimmerwand gezaubert. Georg hatte es ihr nachzumachen versucht. Man musste die Hand zwischen Kerze und Wand halten, nicht zu weit von der Wand entfernt, wenn ein scharfes Bild erscheinen sollte. Wenn also sein Schatten vor ihm so deutlich auf dem Schnee zu sehen war, musste das Licht vom hinten kommen. Richtig, dort stand der volle Mond schon tief im Westen und tauchte die Stadt in sein fahles Licht. Er sah riesig aus, größer als die Sonne. In sein Licht durfte man gefahrlos schauen. Bei der Sonne ging das nicht, oder höchstens einen Augenblick lang, wenn man nicht blind werden wollte. Jedenfalls wurde davor gewarnt, als vor einigen Monaten vom »Salzunger Tageblatt« eine teilweise Verdunkelung der Sonne, eine Sonnenfinsternis, angekündigt wurde und Georg immer wieder nachschauen wollte, ob es schon so weit sei. Der Bruder hatte ihm dann gezeigt, wie man eine Glasscherbe mit einer Kerze so rußig macht, dass man durch die Scherbe die Sonne nur als blasse Scheibe sieht. So blass wie eben jetzt der Mond. »Bås wörds, Jörg, ich mecht nett länger då d’rfreer!« Die Mutter stand vor der Haustür und blickte sich nach ihm um. Jetzt traten auch die anderen Familienmitglieder aus dem Haus und formierten sich für den kurzen Weg zur Kirche: vorneweg der Stiefvater, Kurschmied Krah, dann die Mutter mit der kleinen Schwester im Arm, die wieder eingeschlafen war. Zum Schluss Bruder Heinrich. Georg beeilte sich, seinen Platz neben Heinrich einzunehmen. Die Eltern, im Sonntagsstaat, grüßten links und rechts Bekannte und Verwandte – von denen es viele gab. Zur Kirche hin wurde der Menschenstrom dichter, der Lärm immer größer. Aus der Menge drangen Kindergeschrei, einzelne Rufe, Gelächter. Hin und wieder tauchte eine Schnapsflasche auf, aus der jemand einen guten Schluck nahm, bevor er sie weiterreichte. Einige vor allem der Jüngeren schienen des Guten schon zu viel genossen zu haben. »Die Mette sollte abgeschafft werden«, meinte der Vater zu Nachbar Büchner. »Sie ist doch heutzutage nur noch Anlass für Unordnung und Ausschweifungen.« Büchner nickte heftig: »Die Obrigkeit hätte sie schon längst verbieten sollen!« »Wer das heilige Fest feiern will, kann auch die Frühpredigt besuchen.« Der Vater blickte verächtlich auf eine Gruppe, deren dürftige Kleidung von der Nacht kaum verhüllt wurde. »Für Schnaps reicht es bei denen immer.« Georg hatte inzwischen darüber nachgedacht, wie er echte von nachgemachten Engeln unterscheiden könnte. Engel können fliegen, das wusste jeder, als Engel verkleidete Chorschüler sicher nicht. Er würde genau aufpassen. |
| Rezensionen |
THÜRINGER ALLGEMEINE, von Maria Annemüller
[…] Karl Döbling, Germanist und Historiker, recherchierte in der Historie der Stadt Bad Salzungen und dem in Vergleich kolossalen Amerika, bis sich die Biografie des "Georg Luther - eine Salzunger Geschichte" herauskristallisierte.
In Bad Salzungen geboren und aufgewachsen, lebt der Protagonist mit der Mutter, dem aggressiven Stiefvater, seinem Bruder und seiner Schwester zusammen unter einem Dach. Georg ist philosophisch angehaucht, so ergeben sich Bekanntschaften mit dem Herzog von Sachsen-Meiningen und mit Ludwig Wucke.
Schon früh bemerkt er die belastende Intoleranz der Stadt, die ihn stets in seinem Handeln einengt. Bald beginnt er einen Plan zu schmieden, der ihn nicht mehr loslässt: Amerika.
Ein Leben in Amerika. Ein Leben in Freiheit. Die gescheiterte Revolution von 1848 bestärkt seine Absicht. Auf der schwierigen Suche nach Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und dem eigenen Ziel flieht er aus seiner Heimatstadt, lässt Freunde und Familie alleine zurück und begibt sich auf eine Reise ins ungewisse Amerika.
In Georg Luthers Biografie wird immer wieder der Ruf nach Freiheit und die Einengung durch Traditionen sichtbar. Es ist vor allem eine lokale Geschichte, die einen großen Anreiz für ältere Menschen aus der Region darstellt. Der Salzunger Dialekt stellt beim Lesen eine große Schwierigkeit dar - wenn man jedoch die Übersetzungen vor Beginn des Lesens auf den letzten Seiten bemerkt, ist das Problem aus der Welt geschafft. Die große Bezogenheit zur Region macht das Buch interessant für Menschen, die noch immer in dieser Umgebung leben, da man die Orte des Geschehens nachvollziehen kann. |