Alarmstufe Weiß

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Loti Kioske schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. 

Details

Loti Kioske schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
Provokant und gallig führt er dem Leser mit feiner Ironie und fataler Präzision die Menschen in seiner Umgebung vor: scheintote Kleinstadtpassanten, Konsumterroristen und Endverbraucher in provinziellen Supermärkten – Menschen, die im Kollektiv Richtung geistiges Niemandsland treiben.
Er gewährt Einblicke in ein Leben, das zum Glück nicht jeder führt und lässt den Außenstehenden irgendwo zwischen Lachen und Heulen, Schadenfreude und Bestürzung allein zurück …

Zusatzinformation

ISBN 978-3-940085-38-2
Autor Loti Kioske
Buchtitel Alarmstufe Weiß
Untertitel Kurzgeschichten in Schräglage
Lieferbarkeitsstatus lieferbar
Auflagenart Neuausgabe
Erscheinungstermin 08.11.2010
Verlag Verlag Neue Literatur
Seitenzahl 100
Breite (cm) 12,20 cm
Höhe (cm) 19,90 cm
Verarbeitung Softcover
Abbildungen s/w k. A.
Abbildungen farbig k. A.
Autoren-Information

Loti Kioske

Leseprobe

Neue Welt. Impressionen

Anfang des Jahres hat es mich nach Brandenburg verschlagen. Und zwar nicht im Rahmen einer Wochenendflucht aus der Oberlausitz, sondern dauerhaft. Und nicht an irgendeinen Ort in den entmenschten Weiten der Mark Brandenburg mit ihren Al­leen, auf denen gepiercte Siebzehn-, Achtzehnjährige mit ihren Tuningmonstern gern öfters in die Bäume gurken, sondern direkt ins Herz des derzeit friedseligen preußischen Militarismus’, nach Potsdam.
Die Verbundenheit zur malerischen Oberlausitz möchte ich ab sofort lieber aus der Ferne genießen. Wie ein Soldat, der – fernab der heimatlichen Scholle stationiert – ab und zu seiner Freundin gedenkt. Nur, dass der Wehrdienst hier keinen Entlassungstermin mit finaler Heimreise und Hochzeitsfeier vorsieht. Höchstens aller paar Wochen Kurzurlaube über Samstag/Sonntag, die bei der NVA mit KU abgekürzt wurden, beziehungsweise mit VKU, verlängerte Kurzurlaube, bei denen man den Zug schon am Freitag mit dem Schnapsflaschenbeutel besteigen durfte. Manchmal bedeutet Liebe eben auch, dass man sich gegenseitig in Ruhe lässt. Hält die Beziehung der Trennung stand, so hat sie Kern und Mark, zerbricht sie daran, dann kullern vielleicht Tränen, aber das legt sich. Kürzlich las ich in einer Potsdamer Kneipe auf einer hinter dem Tresen angepinnten Postkarte: Das Leben ist hart, aber es geht vorbei.
Nun denn.

Apropos »nun denn«. Um Haaresbreite wäre Hamburg mein neues Domizil geworden. Im letzten Jahr habe ich mich eine Woche lang in einem schnuckeligen Hotel im Nobelstadtteil Sankt Georg einquartiert, um die Lage in der Hansestadt vor Ort zu peilen. Täglich landete ich spätabends in dieser Kaschemme direkt gegenüber des Hotels. Jede Nacht geisterten dort dieselben Gestalten durch die Zigarettenqualmschwaden und jeden Abend hockte dieselbe Frau am Tresen. Blaue Augen. Aber blau waren nicht nur ihre Augen. Bevor sie anfing mit Saufen, muss sie mal ’ne hübsche Dirn gewesen sein. Jetzt mit vielleicht Ende dreißig waren nur noch Reste vom Putz haften geblieben. Als ich mich mal über die Tresenecke zu ihr rüberbeugte, entdeckte ich unter ihrer noch recht raumgreifenden Brust einen in Hochpotenz raumgreifenden Arsch, der den halben Gang hinter ihr versperrte und den sie auf ihrem Barhocker ständig hin und her balancieren musste, um nicht plötzlich unterzugehen – was ihr leider nicht durchgehend glückte. Immer wenn ich reinkam, lächelte sie mich an mit ihrem Zehn-doppelte-Wodka-Orange-Gesicht und sagte:
»Ich bin die Petra. Und wer bist du?«
Ich antwortete stets:
»Hallo Petra. Ich bin Erik.«
Daraufhin schnaufte sie jedes Mal tief wie eine Stute, hob ihr Glas und seufzte:
»Nun denn … Prost.«
Dieses Frage-Antwort-Ritual wiederholte sich aller zehn bis fünfzehn Minuten und, wie gesagt, allabendlich in dieser Woche. Nun denn. Hamburg wurde es nicht. 

Verkaufshinweise k. A.
Rezensionen k. A.
Beigaben k. A.
Gewicht 0,130

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