Sechs Minuten Schulden

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Traumwandlerisch, mit halb geschlossen Augen erzählend, biegt Stefan Kraschon da ab, wo keine Kurve ist.

Details

Traumwandlerisch, mit halb geschlossen Augen erzählend, biegt Stefan Kraschon da ab, wo keine Kurve ist.

Hinter Alltäglichem liegen ungeheuerliche, zarte und manchmal sarkas­tische Geheimnisse. Gnadenlose Ironie, gepaart mit grenzenloser Fantasie, das ist das Werkzeug, mit dem Kraschon die Lebenswelten seiner ­Figuren aus den Angeln hebt. Unter der Oberfläche vertrauter Verhältnisse schimmert eine fremde, eine surreale Welt und bricht sich schließlich Bahn: Windjammer durchpflügen Wiesengründe. Alte Damen treiben sich in dunklen Hamburger Hafenvierteln herum. Und der dröge Berufs­alltag des Versicherungsvertreters gerät zur Zerreißprobe, als er einen Anhalter mitnimmt.

Stefan Kraschon versteht sich aufs Groteske so gut wie aufs Anrührende. Stefan Kraschon ist ein Entführer. Und es lohnt sich mitzugehen! 

Zusatzinformation

ISBN 978-3-940085-22-1
Autor Stefan Kraschon
Buchtitel Sechs Minuten Schulden
Untertitel 19 Erzählungen
Lieferbarkeitsstatus lieferbar
Auflagenart Neuausgabe
Erscheinungstermin 01.03.2010
Verlag Verlag Neue Literatur
Seitenzahl 236
Breite (cm) 14,80 cm
Höhe (cm) 21,00 cm
Verarbeitung Softcover
Abbildungen s/w k. A.
Abbildungen farbig k. A.
Autoren-Information

Stefan Kraschon

Leseprobe

Sechs Minuten Schulden

Es regnete. Eine halbe Stunde schon wusch eine dicke Wolke den Staub hitziger Wochen aus den Straßen von Paris. Die Stadt schien wohlig zu vibrieren. Die Pflanzen auf den Balkonen der dunklen Häuser schüttelten die Tropfen in die kühle Luft wie eine Drossel nach dem Bade. Der Asphalt dampfte und schickte das Wasser in Schwaden gen Himmel zurück.
Er saß in einem Bistro, trank einen Kaffee und einen Pastisse. In der Markise über ihm – feuerrot, wie in Paris nicht selten – sammelte sich Wasser in kleinen Pfützen, die sich hier und da vereinten, um sich dann in gelegentlichen Sturzbächen auf die Gehwege oder Passanten zu ergießen. Überall in den Gassen und auf dem Place Blanche hingen sie in das geschäftige Leben dieser Stadt hinein, diese Markisen. Große, schläfrige Augenlider, die wohlwollend über den Scheiben der Cafes und Bistros wachten.
Unruhig schaute er auf die Uhr. Weil er wartete.
Es ging Großes in ihm vor, denn er hatte eine Sehnsucht in sich. Der Geruch des nassen Straßenpflasters. Die schmatzenden Geräusche der Reifen der Autos, die durch die Straßen huschten. Die geheimnisvolle Dunkelheit der Hausfassaden und des Himmels, die die gleiche unnahbare Farbe hatten wie die Träume einer Verliebtheit – all das erzeugte in ihm ein Gefühl von Hochheiligkeit des Augenblickes, an dem er und nur er teilhatte. Es war einer dieser unzähligen Plätze von Paris – es hätte auch woanders sein können – der Regen veränderte alles, schuf eine Stimmung von Licht, Geruch und sogar Geschmack, sodass er seinen kühlenden Pastisse so leise beim Kellner nachbestellte, als spräche er in einer Kirche. Der – ein Marokkaner – fragte dann auch prompt dreimal nach, knallte ihm schließlich einen Pernod hin und schubste fluchend das Wasser mit einem Besenstiel aus den Tränensäcken des Baldachins. Er lächelte mitleidig über den Kellner, weil er doch nichts dafür konnte, dass er die Sprache des Regens nicht verstand. Außerdem machte es sie größer – sie: die Frau, auf die er wartete. Sie hatten sich erst einmal gesehen und waren nun um drei Uhr in diesem Bistro verabredet. Unmöglich, in dieser Stimmung nicht mit klopfendem Herzen zu sitzen und zu warten. Er war angefüllt mit Empfindung – er hätte sich auch in sie verlieben müssen, wenn sie als Baum gekommen wäre …
Aber sie kam nicht!
Er bekam allmählich Schmerzen in Regionen seines Körpers, von denen er nicht gedacht hätte, dass sie für Kummer empfänglich sind. Dabei kannte er sie doch schon so gut! Obwohl er sie erst ein einziges Mal gesehen hatte. Aber schließlich war sie diejenige, die ihn so empfindsam hatte werden lassen, dass er nunmehr vor sich selber lag, sich kurz fröstelnd die Arme um den Körper schlang und sich mit der gleichen Vorsicht anrührte, als griffe er in sein eigenes offenes Auge. Es tat furchtbar weh, denn er wusste, dass sie nicht mehr erscheinen würde – schließlich war es bereits fünf nach drei! Zu oft schon hatte er vergeblich auf Menschen gewartet, die ihm wichtig waren.
Er wollte gerade gehen und fühlte, wie sein Herz mit dem im Rinnstein versickerndem Regen fortgespült wurde. Dann aber tauchte sie plötzlich auf. Sie nahm sein Gesicht fest in ihre Hände, gab ihm einen Kuss auf jede Wange. Sie nahm neben ihm Platz.
»Nenn mir eine Zahl zwischen eins und sechs!«, sagte er mit gespielter Heiterkeit.
»Wie bitte?«
»Nun mach schon! Eine Zahl zwischen eins und sechs!« Sie überlegte, nahm sich für jede Zahl eine Sekunde, dann riet sie mit gespielter Spiellaune: »Drei!«
»Ach Scheiße, drei! Sagen wir sechs! Du schuldest mir sechs Minuten – plus sechs Sekunden überlegen!«, sagte er.
»Was schulde ich dir? Sechs Minuten?« Sie schaute ihn ungläubig an.
»Plus sechs Sekunden überlegen! Es ist so: Du bist sechs Minuten zu spät gekommen. Die habe ich auf dich gewartet. Ich konnte in der Zeit nichts anderes machen, als eben auf dich warten. Und diese sechs Minuten, die fehlen mir nun – du schuldest sie mir!«
Sie war sich nicht sicher, ob er es ernst meinte.
»Wären wir also um 15 Uhr 6 verabredet gewesen, hätte ich keine Schulden?«
»Waren wir aber nicht! Und ich werde die Zeit auch einfordern: Wenn wir uns nachher verabschieden, möchte ich sie sozusagen hinten dranhängen – wenn du also müde bist und gehen willst, musst du erst mal noch die sechs Minuten nachsitzen. Vielleicht spürst du ja auch vorzeitig, dass du irgendwann müde werden wirst und sagst vorher schon Bescheid. Dann sitzt du zwar auch noch sechs Minuten nach – bleibst aber dennoch nicht länger, als du wolltest. Kannst es dir aussuchen!«
Sie lachte.
»Also erstens finde ich das ganz schön albern und zweitens bist du ja mit deiner Zeit ganz schön geizig! Zeitspießer!«
»Stimmt!«, sagte er freundlich.
»Na schön, sollst sie haben, deine sechs Minuten!«
»Die Überlege-Sekunden schenke ich dir!«
Dann begann ihre Zeit zu fließen, ihre Erzählungen nahmen sich gegenseitig in den Arm und ihre Geschichten wechselten sich ab, wie die Farbe der Dächer der Althäuser des Platzes, die sich im Kaleidoskop des Sonnenlichtes aus der aufbrechenden Wolkendecke über den Platz reckten. Er lehnte sich zurück. Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart. Und sie roch gut. Sie lachten viel. Er sprach über seine Kindheit und über die Dinge, die er damals geliebt hatte. Auch über das, was ihn fürchten gemacht hatte. Und sie hörte zu.
Er tat ihr diese Geschichten an wie verschwiegene Küsse, auf die zu geben er schon lang brannte.

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