Arglos im Ausland

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Kurzübersicht

Ob wir wollen oder nicht, schlüpfen wir im Ausland immer in eine Rolle und sind oft völlig arglos, wie wir dabei auf andere wirken.

Details

„Ob wir wollen oder nicht, schlüpfen wir im Ausland immer in eine Rolle und sind oft völlig arglos, wie wir dabei auf andere wirken. “Nachts nach einer Pressekonferenz mit Hans-Dietrich Genscher in Kairo die Pyramiden besichtigen? Oder im Rumänien der 1980er Jahre verdorbene Würste an Hunde verfüttern? – Es gibt Dinge, die im Ausland äußerst missverständlich sind und unter Umständen sogar lebensgefährlich. Als Journalist bereist Ingo Linsel die Krisenregionen dieser Welt. Dabei trügt die Sicherheit bequemer Beobachterplätze, die für die Presse in Konfliktregionen eingerichtet werden. Ob Ostblock oder USA, Afrika oder Kosovo: Scharfsichtig, mit Feingefühl und einer gesunden Portion Humor erzählt er von fremdländischen Traditionen, Gewohnheiten und Unzulänglichkeiten. Minen, ausgebrochener Hass zwischen Volksgruppen, Straßenbanden und mancherlei Fettnäpfchen drohen an jeder Ecke. Ingo Linsel, ein Argloser im Ausland, spürt, wie wenig die heimischen Maßstäbe taugen und sieht sich plötzlich mit Situationen konfrontiert, in denen er selbst unfreiwillig zum Beteiligten wird. „Zehn Begebenheiten, verteilt über viele Jahre von 1982 auf der Krim, 1987 im völlig heruntergewirtschafteten Rumänien, über Reisen in das von einer Mordserie an deutschen Touristen heimgesuchte Miami bis zu den Anschlägen auf deutsche Patrouillen in Afghanistan, schildern Ereignisse, bei denen ich mir zuweilen selbst wie in einem Kino vorkam.“ (Ingo Linsel)

Zusatzinformation

ISBN 978-3-940085-23-8
Autor Ingo Linsel
Buchtitel Arglos im Ausland
Untertitel  
Lieferbarkeitsstatus lieferbar
Auflagenart Neuausgabe
Erscheinungstermin 08.02.2010
Verlag Verlag Neue Literatur
Seitenzahl 192
Breite (cm) 12,20 cm
Höhe (cm) 19,90 cm
Verarbeitung Softcover
Abbildungen s/w k. A.
Abbildungen farbig k. A.
Autoren-Information

Ingo Linsel

Leseprobe

Wir kamen zum Kiosk, in dem Sprittalons verkauft wurden. Wer das vergaß, musste wahrscheinlich wohl oder übel zur Grenze zurück. Zumindest wusste ich nicht, an welchen anderen Stellen man noch Benzinmarken bekam. Ohne sie war man aufgeschmissen. Im rumänischen Kulturzentrum in Berlin hatte ich mich vor unserer Fahrt vergewissert, dass die Regelung weiterhin galt, nach der ausländische Touristen das Sonderrecht zum Tanken genossen, so viel sie wollten. Eine Ausnahme war jedoch seit kurzem zu beachten, wurde ich belehrt. Es mussten die Tankstellen angesteuert werden, die dem Partei- und Staatsapparat vorbehalten waren. Die Praxis, sich einfach dort ganz vorn anzustellen, wo alle oft tagelang auf Sprit warteten und stündlich zum Auto zurückkehrten, um es wie an der Grenze weiter vorzuschieben, war aus Sicherheitsgründen fallen gelassen worden. Das Missvergnügen der Einheimischen hatte sich bereits zu oft über die Urlauber entladen.
Das junge Mädel hinter dem kleinen Kioskfenster ließ mich spüren, dass sie nun aber ein Bakschisch für angemessen hielt. Dieselbe Furcht wie vor der Zollkontrolle wollte sich vor dem höchstens 19-jährigen Gör jedoch nicht mehr einstellen. Ich beharrte auf dem Preis, den die Addition der Benzinmarken ergab. Worauf das Fensterchen vor mir zufiel. Erst als sich die immer länger werdende Schlange der mit mir Wartenden lautstark bemerkbar machte, gab die Verkäuferin nach. Sie warf mir die Marken allerdings regelrecht vor die Füße, so dass ich sie von der Straße auflesen musste.
Arad war nun erreicht. Keine der Kinderketten in den Dörfern, vor denen man uns gewarnt hatte, ließ sich blicken. »Bloß nicht anhalten«, lautete der dringend zu befolgende Rat. Hinter den Roma-Kindern lauern Halbwüchsige, die bei Unvorsichtigen die Türen aufreißen und alles erbeuten, was sich greifen lässt. Folglich durften nur die Fenster geöffnet werden, um im Vorbeifahren Süßigkeiten hinauszuwerfen, worauf die Kinder ihre Straßensperre öffneten. Dass mit dieser Gepflogenheit nicht alle vertraut waren, verrieten die Bruchstücke zersplitterter Autoscheiben am Straßenrand einiger Siedlungen. Nur schnell durchzupreschen und sich die Weiterfahrt ohne Gegenleistung erzwingen zu wollen, war offenkundig keine gute Alternative.
»Stopp!«, rief Angelika. »War das nicht eine jener ominösen Tankstellen? Wir sollten, bevor wir weiterfahren, testen, ob wir auch wirklich Benzin bekommen.« Das war zweifellos ein guter Rat. Ich wendete und fuhr zurück. Der Tank fasste ohnehin nur 24 Liter. Und siehe da, es gab Dinge, die doch noch ganz einfach funktionierten. Ich bat den Tankwart, nicht randvoll zu schütten, sondern etwas Platz für das Öl zu lassen.
»Motorenöl?«, brummte der Tankwart mit einer Überraschung in der Stimme, als hätte ich ihn um Räucherlachs gebeten. »Das hätten Sie von daheim mitbringen müssen«, gab er mir zu verstehen.
Ich versuchte, ihn bei seiner Ehre als Fachkraft zu packen, dass er doch sicherlich von der notwendigen Beimischung für Zweitakter wisse. Das wusste er auch, und er klärte mich auf, dass die Motoren von »Wartburg« und »Trabant« in Rumänien alles schluckten, was ölig ist, angefangen von Speiseöl bis zu Getriebeöl, bloß Motorenöl gab es eben nicht. Mir verschlug es die Sprache. Darüber hatte die nette Auskunft im Berliner Kulturzentrum kein Wort verloren.
An einer kleinen Bestechung führte nun offenkundig kein Weg mehr vorbei. Aber der Tankwart wies mich ab. Er habe wirklich kein Öl. Ich griff zum letzten Mittel und auf unsere mitgebrachten Tauschobjekte zurück. Darunter wusste ich eine Art Zauberwurzel, die bei uns zu Hause einfach »Greußener Salami« genannt wurde. Deren exorbitante Wirkung war mir im Jahr zuvor in Rumänien aufgefallen, als ich einem Bürgermeister als Dank für die Führung durch seinen Ort eine solche Wurst schenkte. Der verließ damit sofort sein Büro. Während seiner Abwesenheit stellte mich sein Stellvertreter zur Rede. »Das war sehr ungerecht von Ihnen«, wies er mich zurecht. »Der Bürgermeister, dem Sie da eben eine ganze Wurst zusteckten, hat nur zwei Kinder, ich habe aber sechs. Sie hätten mir zumindest die Hälfte geben können.«
Zuerst dachte ich, dies sei ein Scherz. War es aber nicht. Der Bürgermeister kehrte mit einer ganzen Kiste selbstgebranntem Raki zurück und dankte mir nochmals überschwänglich. Unmöglich konnte ich die ganze Kiste transportieren und nahm mir zwei Flaschen heraus. Die anderen reichte ich an den Stellvertreter weiter, freilich nicht für seine Kinder.
Eine meiner Flaschen zersprang jedoch auf dem Rückflug im Koffer. Als ich in den Zug umstieg, zog ich keine Fahne, sondern ein ganzes Flaggenmeer hinter mir her, wegen dem ich bissig gefragt wurde, ob man in meiner Nähe noch gefahrlos rauchen könne.
Nicht mit der ganzen, aber doch einem ansehnlichen Stück Salami stellte ich mich nochmals dem Tankwart vor. Das Mittel wirkte wie erwartet. Er werde alles möglich machen, mir das Öl zu besorgen, flüsterte er mir zu. Doch beim besten Willen sei das heute nicht mehr drin, ich solle am nächsten Tag wiederkommen.
Damit saßen wir fest. Zwar war von dem Rest des Treibstoffgemisches noch etwas Öl im Tank, aber eine längere Strecke wagte ich nicht mehr zu fahren. Wir fragten nach dem nächsten Hotel und schleppten uns dort hin. Als erstes mussten ja auch Wolfgang und seine Frau Marion informiert werden, die schon den ganzen Tag vergeblich auf uns warteten. 

Verkaufshinweise k. A.
Rezensionen k. A.
Beigaben k. A.
Gewicht 0,314

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