Wirst du tanzen, Shahana?

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Kurzübersicht

Es gab Leute, die sagten, Shimshal liege am Ende der Welt. Auf einem anderen Stern. Unsere Abgeschiedenheit war erbarmungswürdig und grandios zugleich. Unzugänglich wie die wilden Berge im Norden Pakistans jahrhundertelang waren, genauso unzugänglich blieb Shimshal, unser Dorf – versteckt, namenlos, auf Jahre, die nicht zu enden schienen.

Details

"Es gab Leute, die sagten, Shimshal liege am Ende der Welt. Auf einem anderen Stern. Unsere Abgeschiedenheit war erbarmungswürdig und grandios zugleich. Unzugänglich wie die wilden Berge im Norden Pakistans jahrhundertelang waren, genauso unzugänglich blieb Shimshal, unser Dorf – versteckt, namenlos, auf Jahre, die nicht zu enden schienen. Es existierte abgeschnitten vom Weltgeschehen und von der Neuzeit." Das vor wenigen Jahren noch unberührte Bergdorf Shimshal im Karakorum erlebt rasante Veränderungen: War es früher nur durch einen langen und strapaziösen Fußmarsch zu erreichen, so gibt es jetzt eine befahrbare Piste – im weitesten Sinne des Wortes. Radios, Satellitenschüsseln, Plastiktüten, Batterien, Genussmittel … – die nach westlichem Verständnis moderne Zivilisation ist im Begriff, mit ihren Gütern auch die letzten versteckten Winkel zu überschwemmen, mit allen positiven, aber auch negativen Begleiterscheinungen. Bei jedem Schritt stößt man auf krasse Gegensätze zwischen Tradition und Moderne: Es gibt Computer, aber die Frauen müssen immer noch kilometerweit laufen, um Wasser zu holen. Es gibt Plastikspielzeug aus China, aber die Säuglinge sind wie vor Generationen zu einem unbeweglichen Bündel zusammengeschnürt. Ist das Neue besser als das Alte? Christiane Fladt ist Augenzeugin und Chronistin dieses Umbruchs. Während ihrer langen Aufenthalte hat sie am Leben der Dorfbewohner unmittelbar teilgenommen. In neun literarischen Vignetten zeichnet sie besondere Eindrücke nach; dabei nähert sie sich den Menschen vorsichtig und einfühlsam und versucht, sich deren Blickwinkel zu eigen zu machen.


Zusatzinformation

ISBN 978-3-938157-66-4
Autor Christiane Fladt
Buchtitel Wirst du tanzen, Shahana?
Untertitel

Neun literarische Vignetten über Shimshal

Lieferbarkeitsstatus lieferbar
Auflagenart Neuausgabe
Erscheinungstermin 11.10.2007
Verlag Verlag Neue Literatur
Seitenzahl 136
Breite (cm) 12,20 cm
Höhe (cm) 19,90 cm
Verarbeitung Hardcover
Abbildungen s/w k. A.
Abbildungen farbig k. A.
Autoren-Information

Christiane Fladt

Leseprobe

Der Karakorum Highway

Dieser KKH, dieses achte Weltwunder, Zeugnis menschlicher Verstiegenheit, fragil wie die Schale eines Vogeleis: Man müsste einen Roman, nein, ein tausendseitiges Epos darüber schreiben, wie er über Jahre und Jahrzehnte erschaffen wurde. Über die Visionen der Baumeister. Über die hochfahrenden Pläne der Ingenieure. Über die jämmerlichen Zeltverschläge, in denen die Zehntausende von Arbeitern hausten, Pakistaner und Chinesen, die Ärmsten der Armen. Wie ihre Rücken krumm wurden und ihre Knochen schrien vor Kälte, Hitze und Schmerz. Wie ihnen die Druckwellen der Sprengungen die Trommelfelle zerfetzten und wie ihnen Staub- und Sandwolken den Atem raubten. Wie sie den Kollegen begraben mussten, der von einem Felsen erschlagen worden war, den Freund, der mitsamt seiner Schubkarre in den Indus gestürzt und erst zehn Kilometer flussabwärts an einer Kiesbank hängen geblieben war. Mehr als achthundert Menschenleben wurden dem KKH geopfert.

Wie schließlich dieser KKH dem Leben der Gebirgsvölker entlang des Indus-Tals seinen Stempel aufdrückte, damals und für alle Zukunft.
Und die Zukunft hat schon begonnen: Eine Erneuerung, eine Vergrößerung des achten Weltwunders ist im Gange. Gebaut von nunmehr Hunderttausenden von chinesischen Bauarbeitern soll er in der unglaublichen Zeit von zwei Jahren breiter, schneller und sicherer werden, um den Transport chinesischer Güter zum arabischen Meer voranzutreiben …

Indessen: Der Preis für den KKH, die Brücke zur Neuzeit, blieb hoch. Wo der Mensch meinte, sich die Natur untertan gemacht zu haben, wurde er eines Besseren belehrt.

Der Karakorum Highway war – und ist es bis heute – ein makabres Abenteuer. Die Ungeheuer des Gebirges lauern rechts und links, lassen Felsen stürzen und öffnen Abgründe. Die Berge beben und fallen, der Indus verschlingt den Untergrund.

Die Lastwagen, die sich zum Kunjerab-Pass hinaufquälen, stoßen kohlschwarze Rauchwolken aus, als ob ihnen die Luft ausginge; oft genug bleiben sie liegen: Plattfuß, Motorschaden, Altersschwäche. Die PKW-Fahrer schleudern tollkühn über die Schlaglöcher, an Felsvorsprüngen vorbei, geradewegs auf den Gegner zu, immer mit Höchstgeschwindigkeit. Die überladenen Busse beteiligen sich an dem rasenden Roulette, und wenn der Schutzengel schläft, stürzen sie in die Tiefe.
So ist der KKH zugleich das Schlachtfeld der Natur und das Schlachtfeld der Zivilisation.

Trotzdem: Was wurde nicht schon alles herbeigeschafft über den KKH!

Säcke von Zucker und schneeweißem Mehl, von Zement und Ziegelsteinen.
Kartons voller Seife, Kisten mit Batterien.
Der Thunfisch in der Konservendose.
Bücher. Zeitungen. Musikkassetten.
Cornflakes, Faserpelz, Baseballkappe.
Das junge Zeitalter.

Die neuen Stromleitungen, die parallel zur Straße in luftiger Höhe pendelten, taten das Ihre: Wenn man über elektrisches Licht verfügte und über eine Waschmaschine, dann lag der Gedanke nicht fern, ein Hotel zu eröffnen, damit die Besucher aus dem Westen nicht vorbeibrausten, sondern eine Nacht oder zwei verweilten im schönen Hunza-Tal. Denen konnte man die bunten Stickereien verkaufen und die geschnitzten Holzlöffel und die Aquamarine, die man unter Einsatz seines Lebens aus dem Felsen gesprengt hatte.

Fließend warmes Wasser, Neonlampen, Kühlschränke.
CD-Spieler, Fernseher.
Autowerkstätten, Zahnärzte, Kliniken.
Wohlstand. 

Verkaufshinweise k. A.
Rezensionen k. A.
Beigaben k. A.
Gewicht 0,262

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