| Leseprobe |
III. Tänze im Schnee Dem Kapitel über meine Hochzeit im Januar gebe ich die Überschrift "Tänze im Schnee", weil diese beiden Dinge, die Ausgelassenheit des Volkes und die Winterskälte, für Hochzeiten in Shimshal charakteristisch sind. Plötzlich kreuzte Qudrats Mutter Malik Naz in unserem Haus auf. Sie kam bald jeden Tag. Man verriet mir anfangs nichts. Sie schauten mich versonnen an, Vater und Mutter, doch sie blieben zugeknöpft. Über eine Heirat verhandeln allein die Eltern, so ist das bei uns. Aber ich war neugierig geworden und wollte schließlich doch wissen, was Malik Naz Tag für Tag bei uns suchte. Sie lachten. Da stand ich mit meiner Frage und die Erwachsenen lachten. Doch dann zwinkerte die Tante meiner Mutter zu. Die rückte umständlich ihr Käppchen zurecht, wischte sich ein Tröpfchen von der Nase und sagte, wir sind dabei, dich mit Qudrat zu verloben, Lal. Das war es also. Mit Qudrat. Es war mir recht. Mein Herz sagte ja. Und mein Verstand auch. Bald kamen sie alle aus Qudrats Familie. Mein Onkel Daulat und meine Großmutter fragten mich in aller Deutlichkeit, ist es auch dein Wunsch, Lal, Qudrat zu heiraten, Qudrat Ali, Sohn des Mohammad Sufi? Ja, sagte ich. Damals war ich fünfzehn Jahre alt. Habe ich mir Gedanken gemacht über meine bevorstehende Ehe, über meinen zukünftigen Mann? Nein. Ich war ein Kind. Es war der Lauf der Welt. Und der wurde von Gott und von den Eltern geregelt, also machte man sich keine Gedanken. Freilich – ich war jetzt schüchtern Qudrat gegenüber. Ich vermied es, ihn anzuschauen. Er selbst gehörte ja auch zu den eher Stillen. Wir sprachen kaum miteinander. Jedenfalls nicht öfter als vorher. Mein Vater und mein Onkel Daulat Amin hatten für die Mitgift zu sorgen. Darunter darf man sich freilich nicht die Schätze und Ländereien vorstellen, die anderswo in Pakistan von der einen zur anderen Familie zu wechseln pflegen. Zum Beispiel auch in Hunza oder Gilgit. Nicht so bei uns. Unser Aga Khan lehrt uns, bei der Mitgift keinen Aufwand zu betreiben, sondern unser Vermögen in unsere Bildung zu investieren, und dieser Lehre folgen wir. Mein Vater gab mir Kleider, Geschirr, ein, zwei Schafe und Ziegen, mehr nicht. Zwischen dem Hochzeitsvertrag und dem Hochzeitsfest liegt etwa ein Jahr. Unsere Hochzeit wurde im Januar 1987 gefeiert. Ich war sechzehn und Qudrat siebzehn. |